Stefanie Höll Temporary Setup

Stefanie Höll [95]
95

So widersprüchlich, tiefgründig und voll von solch formaler Schönheit waren diese nuancenreichen Strukturen, dass ich staunend zuschaute, wie E. peu à peu alle Flächen der Wohnung mit diesen wundervollen Mustern belegte. Anfangs nur in den Ecken, auf Sideboards, Tischen, Sofalehnen, später füllte ich Teile des Parketts damit. Als die ganze riesige Wohnung über und über bedeckt war, legte ich die zweite Lage, dann die dritte, so dass man die Muster nur mehr erahnen, nicht aber genau nachvollziehen konnte. Es waren unterseeische Bifurkationen in verschiedenen Zuständen, die miteinander interferierten und damit die Grenze zwischen offensichtlicher Ordnung und verstörendem Chaos bildeten, so dass ein verborgener Kosmos aus dem vorherigen erwuchs.

[94]

Stefanie Höll [93]
93

E. legte mir die Vier, die Jagd, die kleine und die große Harfe, die Liebe und später, ganz am Schluss unserer merkwürdigen Beziehung sogar die ganz große Napoleon Patience. Vier, sechs, dann acht, neun, bis hin zu achtzehn Karten legte er und jedes Mal war ich von den verschiedenen Ornamenten am Boden aufs Neue verzaubert. Er stellte nur eine Bedingung: Das Blatt musste frisch, unberührt sein. Gebrauchte Karten fasste er nicht an. Ich reichte ihm Talon für Talon und er schaffte es, jedes Mal, wenn er da war, neue und neuartige und sich selbst ähnliche Systeme zu kreieren, die mich voller Erstaunen und Hoffnung zurückließen. Alles würde gut werden, alles würde gelingen. Das dachte ich mir jedes Mal, wenn E. mich nach seinen zweistündigen Besuchen auf meiner Decke zurückließ.

[92]