Stefanie Höll Temporary Setup

Stefanie Höll [91]
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Anfangs animierte er mich dazu, es selbst zu versuchen, in der Hoffnung, dass ich unabhängig von ihm würde, aber bald gab er auf. Es machte mir weder Spaß noch war ich in der Lage, nur einen Bruchteil dieser Schönheit, dieser Verzauberung herzustellen, die mich an seinen Patiencen so faszinierten. Er sah eine höhere Ordnung im Chaos. Er offenbarte mir abgründiges Chaos in der vermeintlichen, von uns Normalsterblichen gut gemeinten und beschränkten Ordnung. Ich beschränkte mich darauf, ihm die Kartenspiele zu besorgen, die Päckchen, die geschlossenen Schachteln, die Kistchen und Etuis. Ich räumte fröhlich ab, im Spieleland, im Supermarkt, im Lotterie- und Zigarrengeschäft, in der Papeterie, jedes Mal wurde ich einfallsreicher. Zunächst legte ich ein, zwei Rommé-Spiele zu meinen Einkäufen, später wurde ich immer ungenierter und schob vier, sechs, manchmal zehn oder gar achtzehn Spiele zu Zeitung, Fisch, Kaffee, Schokolade dazu. Ein Liter Milch, zehn Kartenspiele, zwei Päckchen Zigaretten, zweiunddreißig Päckchen Rommé, die anderen Leute in der Schlange wurden neugierig und schauten. Ich knurrte dann und verteidigte die Tüte mit meinen prachtvollen Zähnen.

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Stefanie Höll [89]
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Ich trug sie tütenweise in meinem Maul nach Hause und E. kam überhaupt nicht mehr nach, das war auch meine Absicht, so konnte ich ihn länger bei mir halten. Doch nach einiger Zeit intensiver Gespräche und dem geduldigen Legen immer fragilerer Gebilde begann ich zu fühlen, dass sein Interesse nachließ, er sprach es nicht aus, doch es hing wie ein trister grauer Nebel zwischen uns und obwohl ich jedes mal freudig an ihm hochsprang, ihm meinen Knochen vor die Füße legte, ließ er sich zeitweise nur noch einmal im Monat blicken und verlängerte die Pausen zwischen seinen Besuchen in meinem geräumigen Apartment, dessen Gänge und Räume allerdings immer weniger zu betreten waren, immer mehr. Die Patiencen wurden fahrlässiger, schlampiger, manchmal warf er sie nur noch hin und ging. Ich war traurig. Was konnte ich nur tun, um das Ganze noch ein Weilchen zu verlängern, um das Kartenhaus meiner Illusion, von dem ich schon wusste, dass es bald zusammenfallen würde, noch etwas aufrechtzuerhalten? Ich legte mich vor die Türe, knurrte und biss ihm in die Knöchel, zupfte an seinen Schuhbändeln und zog an seinen Ärmeln.

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